Schicksalsbruch – Leseprobe Teil 1

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Hi Ihr Lieben,
heute gebe ich Euch einen ersten Eindruck in den zweiten Teil.
Einige Textstellen sind allerdings leicht abgewandelt, um noch nicht zu viel preiszugeben .

Mein verwirrter Kopf verarbeitet nicht sofort die Situation und die Gefahr, in der wir uns befinden. Ich sehe lediglich, wie ein dutzend Pfeile vor meinen Augen durch die Luft sausen und im nächsten Augenblick fliegen bereits grüne Baumspitzen auf mich zu.
Moment, irgendwas stimmt an diesem Bild nicht. Unweit von mir entfernt erkenne ich Whick, der darum kämpft, sein Gleichgewicht wieder zu finden und in den Gleitflug zurückzukehren. Jetzt weiß ich auch, was an dem Bild mit den fliegenden Bäumen nicht stimmt. Sie kommen nicht auf mich zu, sondern ich nähere mich ihnen mit steigender Geschwindigkeit …
Irgendjemand greift nach meiner Hand. Immer wieder verlieren wir einander, doch irgendwann schafft Thory es, mein Handgelenk zu packen. Mit seiner freien Hand greift er sich in den Nacken und zieht seine Stêsch hervor. Einhändig müht er sich damit ab, die Ringe an seiner Waffe in einer bestimmten Reihenfolge anzuordnen. Als sie aufleuchtet, umschließt uns eine grüne Kugel, die jedoch schon nach kurzem Aufglimmen ihre magische Farbe einbüßt.
„Das wird uns nicht vor dem Aufprall schützen, es wird höchstens Insekten daran hindern uns in den Mund zu fliegen“, erwidert Thory auf mein hoffnungsvolles Gesicht. Es handelt sich also tatsächlich um das magische Schild, das er schon mehrmals zu unserem Schutz errichtet hat. Den Sarkasmus hätte er sich in dieser Situation trotzdem sparen können.
Ich schließe die Augen und versuche mich auf eine hilfreichere Lösung zu konzentrieren, anstatt mich auf den Aufprall vorzubereiten. Mir ist klar, dass uns nicht viel Zeit bleibt. Aber mein Kopf hat unter Druck schon immer besser gearbeitet. Scheiße … Ich will noch nicht sterben … Das sollte doch Druck genug sein!
Vor dem schwarzen Hintergrund meiner Augenlieder flackert plötzlich ein buntes Objekt auf. Es bewegt sich so schnell, dass ich es erst gar nicht richtig erkennen kann. Doch dann weiß ich, was es ist. Ein Drache! Keiner mit Schuppen, Krallen und dem Drang unaufhörlich Feuer zu speien, sondern einer aus Plastikstangen und buntem Papier – ein einfaches Spielzeug. Ein Lenkdrache in den Händen eines kleinen Mädchens. In meinen Händen. Kurz darauf materialisiert sich auch meine Mutter in diesen Erinnerungsfetzen. Sie hebt die Hände über den Kopf und flüstert lächelnd die Worte: „Vulto co Bowah!“ Der bunte Drache wird noch weiter in die Luft gehoben und mein jüngeres Ich lacht lauthals vor Freude.
Ich wiederhole die Worte, die meine Mutter geflüstert hat. Nicht vorsichtig oder probeweise – dafür ist keine Zeit – sondern voller Elan. Die Luft um uns herum wird ruhig und ich wünsche mir von der gesammelten Magie in meinem Körper, dass sie eine Luftkugel mit der Kraft einer Kanone abschießt. Der Druck entwickelt sich zu Energie, die mich entgegen der Gravitation zurückschleudert. Ich pralle mit dem Rücken gegen Thory und bremse seinen Fall ebenfalls ein wenig ab. Doch wir nehmen sofort wieder an Geschwindigkeit auf. Über uns höre ich Whick fauchen. Er versucht, sich uns zu nähern. Eilig stoße ich erneut ein paar Luftkugeln ab. Aber Whick erreicht uns nicht mehr, bevor wir durch die Baumwipfel stoßen. Die erste Zeit geht es noch gut, doch dann scheint sich Thorys Schutzwall aufzulösen.
Die Äste zerkratzen mein Gesicht, meine Arme und Beine. Aber zugleich bremsen sie auch unsere Geschwindigkeit ab. Thory versucht, sich an einigen dicken Ästen festzuhalten, mich hat er dabei wie einen Sack Kartoffeln unter den linken Arm geklemmt. Als wir nach unzähligen Peitschenhieben dieses riesigen Baumes endlich auf dem Boden aufschlagen, fühlt es sich erstaunlicherweise nicht so an, als wären wir aus schwindelerregender Höhe gefallen. ‚Wir leben!‘, will ich gerade jubeln, als Thory mich loslässt. Meine Beine geben jedoch zitternd unter mir nach und ich lande ungünstig auf meinem Steißbein. Aus meinem Jubelschrei wird lediglich ein lautes Aufstöhnen.
„Sei still“, knurrt Thory augenblicklich und ich hätte ihn beinahe mit Zane verwechselt. Vor allem als er noch ein paar laute Flüche hinterhersetzt, die mit Sicherheit lauter als mein Jammern sind. Als links und rechts neben meinem Kopf wieder Pfeile durch die Luft sausen, verstehe ich, warum er so auf der Hut ist. Vergebens. Sie haben uns trotzdem gefunden.

Thory umklammert mein Handgelenk und drückt dabei so fest zu, dass es mich wundert, noch keine blauen Flecken davon getragen zu haben. Er zerrt mich hinter sich her und gemeinsam schlagen wir uns durch den dicht bewachsenen Wald. Um uns herum höre ich das aufgeregte Zwitschern der Vögel, auch wenn sie nicht zu sehen sind. Vielleicht ist es aber auch nur das laute Rauschen des Blutes in meinen Ohren? Panik macht sich in mir breit. Thory und ich sind auf uns allein gestellt. Zwar kann ich in meiner Dämonengestalt einfach mit ihm mithalten, aber es fällt mir noch immer schwer, den Informationsfluss zu verarbeiten, der durch meine geschärften Sinne überhandnimmt. Ich kann mich kaum darauf konzentrieren, wo wir hinlaufen. So passiert es auch, dass ich erschrocken aufschreie, als wir plötzlich durch knietiefes Wasser laufen und einen kleinen Fluss durchqueren.
„Scheiße, ist das kalt“, fluche ich ungewollt.
„Besser, als in dem eigenen warmen Blut zu liegen.“

 

Teil 2 der Leseprobe folgt am 11. September 2016!

 

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